Netflix-Serie „Dark”: Gesamtpaket von ARRI

Die erste deutsche Netflix-Original-Serie „Dark“ wurde bei ARRI Media postproduziert und zuvor mit ALEXA 65 und Ultra-Prime-Objektiven sowie mit SkyPanel-Scheinwerfern von ARRI Rental gedreht. Postproduction Supervisor Sven Nuri spricht über seine Arbeit.

Ab 1. Dezember 2017 zeigt Netflix die Mystery-Familiensaga „Dark“, die von Wiedemann & Berg im Auftrag des Streamingdienstes produziert wurde, zeitgleich in 190 Ländern. Bei der zehnteiligen Serie von Baran bo Odar und Jantje Friese war ARRI im Hintergrund gleich mehrfach involviert.

Herr Nuri, Sie haben die Postproduktion von „Dark“ bei ARRI Media gemacht. Wieso fiel die Wahl auf dieses Unternehmen?

Aus verschiedenen Gründen. Eine der größten Herausforderungen bei „Dark“ war das sehr enge Timing. Ende Juli war Picture Lock, Mitte August mussten die ersten Test Packages fertig sein und Anfang September die ersten Deliverables für das Localization-Team von Netflix. Wir mussten also einen Dienstleister finden, der in dieser kurzen Zeit 504 Minuten auf dem Niveau herstellen kann, für das die Showrunner Baran bo Odar und Jantje Friese stehen. Der Dienstleister musste dafür hervorragende und eingespielte Mitarbeiter haben und so hochskalieren können, dass er auf alle Eventualitäten reagieren kann. Deshalb wollten wir mit ARRI Media arbeiten. Ein weiterer Grund war der Wunsch des Kameramanns Nik Summerer und von Bo, mit der aus ihrer Sicht besten Kamera zu drehen: der ALEXA. Netflix produziert aber grundsätzlich in 4K, also kam schnell die Idee auf, die Serie mit der ALEXA 65 von ARRI Rental zu drehen. Da hat es sich angeboten, ein Gesamtpaket mit ARRI zu schnüren.

Netflix hat die zehnteilige Mystery-Serie in Auftrag gegeben und streamt sie weltweit in 190 Ländern. Wie sind da die Qualitätsmaßstäbe?

Ich habe noch nie mit einem Auftraggeber weit über ein Jahr vor der Delivery so intensiv über die Quality Control (QC) gesprochen. Das ist für Netflix ein extrem wichtiges Thema, und die QC dort ist mit nichts vergleichbar, was ich bis jetzt erlebt habe. Die zuständigen Mitarbeiter prüfen sehr genau und immer wieder, ob irgendetwas die „Viewer Experience“ beeinträchtigen könnte. Diese steht bei dem Unternehmen über allem, und sie legen das sehr weit aus. Es geht immer um das Beste für die Zuschauer, um das perfekte Produkt. Die Postproduction Engineers bei Netflix haben sich eng in alles eingeschaltet, was wir machen, sie wollten immer wieder Updates und haben uns auch zwischendurch besucht. Das war eine tolle und intensive Zusammenarbeit, zugleich aber auch eine weitere Herausforderung bei „Dark“: Alles sollte perfekt, extrem schnell und innerhalb der Kosten gemacht werden. Eines geht ja meistens nicht – aber wir haben es diesmal geschafft.

Bestandene Herausforderung bei „Dark“: „Alles sollte perfekt, extrem schnell und innerhalb der Kosten gemacht werden“

Wie war das in dieser kurzen Zeit möglich?

Mit einer sehr guten Planung. Ich stehe mit dem ARRI-Team seit Februar 2016 in Kontakt. Für uns war das auch etwas Neues, auf einmal die Endfertigung von zehn Folgen auf Kinoniveau zu machen. Das entspricht der Arbeit an fünf Kinofilmen, und war sehr aufwendig. Ich kenne Bo und Jantje schon von der Zusammenarbeit bei „Who Am I“, und wie bei diesem Film war es auch diesmal so, dass von Anfang an alle Gewerke mit höchstem Einsatz und größter Präzision gearbeitet haben. Wir haben direkt nach Drehende im April begleitend zum Schnitt schon mit der Soundpostproduktion angefangen, so dass alle Abnahmerunden immer mit bearbeitetem Ton stattfinden konnten. Dadurch liefen sie wahrscheinlich viel zielführender, weil sich niemand Elemente „dazu denken“ musste. Und wir sind in der sehr kurzen Postproduktionsphase nach Picture Lock nicht bei Null gestartet, sondern hatten den Ton aller zehn Episoden bereits sehr weitgehend bearbeitet. Auch die Visual Effects, die zwischen ARRI VFX und RISE FX aufgeteilt wurden, haben wir schon früh angeschoben – alles mit dem Ziel, bei Picture Lock fast fertig zu sein.

Wie kompliziert ist es, bei einer Dauer von 504 Minuten die gesamte Postproduktion und Teile des Schnitts parallel zu machen?

Es ist mittlerweile typisch für Postproduktionen, dass sich die Abläufe verschachtelt haben, weil das die Technik hergibt und alle Beteiligten den neugewonnenen Spielraum auch ausnutzen wollen. Die Herausforderung bei „Dark“ war einfach die Menge an Material: Fünf Kinofilme in etwas mehr als fünf Wochen – und zwischendurch mussten wir noch das Premieren-DCP für Toronto produzieren, wo die ersten beiden Folgen gezeigt wurden. Das ist zuerst einmal eine unfassbare Leistung von Bo und Jantje, in diesem Timing bei allen Departments den Überblick zu behalten und die wichtigen Entscheidungen punktgenau zu treffen. Es ist auch eine hervorragende Leistung der Cutter Robert Rzesacz, Anja Siemens, Denis Bachter und Sven Budelmann, die den Workflow von Anfang an mitgetragen haben. Es ist schließlich die Leistung des gesamten Postproduktionsteams, die technischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen zu haben. Das ging dank der hervorragenden Inhouse Producer von ARRI Media mehr oder weniger reibungslos: Lola Knoblach für das Bild und Michi Huber für den Ton. Sie haben mit mir monatelang vorgeplant, immer wieder umgeplant und dafür gesorgt, dass wir die kreativen Wünsche der Showrunner umsetzen konnten. Die Aufgabe war extrem herausfordernd, weil fortlaufend Reconformings in Bild und Ton nötig waren – und das über verschiedene Standorte in Berlin und München hinweg. Dahinter stehen aufwendige Abstimmungsprozesse, die Lola und Michi intern 100-prozentig im Griff hatten. Wir wollten perfekte Arbeitsbedingungen schaffen für die beiden Coloristen Steffen Paul und Bernie Greiner, ebenso für die Mischtonmeister Ansgar Frerich, Christian Bischoff, Benjamin Rosenkind und Matthias Maydl sowie für den Supervising Sound Editor Alex Würtz. Und ich denke, dass uns das gelungen ist. Das war das Tolle an der Zusammenarbeit mit ARRI, dass die hausinternen Producer so eingespielt sind. Die Workflows in der Bild- und der Soundpostproduktion funktionieren so reibungslos, dass die Kreativen frei arbeiten können.

Auch während der „Dark“-Postproduktion funktionieren die Workflows bei ARRI „so reibungslos, dass die Kreativen frei arbeiten können“ – sagt Sven Nuri

Konnten Sie das enge Timing einhalten?

Wir wussten im Prinzip seit August 2016, wie unser Sommer 2017 aussehen wird. Klar, wir haben in der Produktionszeit von über einem Jahr mehrfach unsere Pläne geändert, aber ich kann nicht ohne Stolz sagen, dass sich trotzdem kein einziger Deliverytermin verschoben hat und wir die Localization-Pipeline von Netflix auf den Tag genau beschicken konnten. Dass alles kreativ und technisch so reibungslos lief, das ist eine tolle Leistung des gesamten Teams.

Mussten sie auf dem Weg dahin auch mal im größeren Stil umdisponieren?

Pläne werden gemacht, damit man sie umschmeißen kann. Ich habe seit Februar 2016 31 verschiedene Postproduktionspläne erstellt. Meistens hatten sich im Schnitt Verschiebungen ergeben, aber es gab auch wirklich große Planänderungen. Wir haben zum Beispiel im August, mitten in der Mischungsphase, den gesamten Soundpost-Workflow umgestellt. Wir wollten ursprünglich fünf Mixe komplett in Berlin machen und fünf in München, und letztere mit den Showrunnern in Berlin nur noch abnehmen und Änderungen machen. Bo wollte dann aber lieber mit dem externen Mischtonmeister Ansgar Frerich alle Main-Mixe in Berlin machen. Das war ein ziemlicher Planungsumbau in einer späten Phase, in der wir schon auf Anschlag hochgefahren waren. Alle Pre-Mixe und Vorstufen des Hauptmixes lagen in München, und die Sessions mussten nach Berlin an den Hohenzollerndamm geschickt werden. Dort hat dann Ansgar mit Bo die Mainmixe finalisiert. Das war nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch in kreativer Hinsicht ein Drahtseilakt – es muss ja am Ende alles aus einem Guss sein. Auch das hat schlussendlich perfekt funktioniert.

Mammutprojekt „Dark“: „Auch in kreativer Hinsicht ein Drahtseilakt“

Wie hat es sich auf Ihre Arbeit als Postproduction Supervisor ausgewirkt, dass bei ARRI alles in einer Hand war?

„Dark“ war ein sehr aufwendiges Projekt, ich habe insgesamt fast 20 Monate daran intensiv gearbeitet. Ich war aber während der heißen Phase der Postproduktion sehr entspannt, weil ich zu meinen Ansprechpartnern bei ARRI sehr großes Vertrauen habe. Ich kenne sie seit vielen Jahren, habe schon viele Projekte mit ihnen gemacht und konnte mich darauf verlassen, dass wir gemeinsam einen guten Plan haben. Das ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, und ich habe mich bei ARRI immer sehr gut aufgehoben gefühlt. Es ist außerdem ein großer Vorteil, dass alles in einem Haus liegt und die Wege sehr kurz sind. Das hat sich sogar bewahrheitet, obwohl wir die Postproduktion in Berlin und München und dort jeweils an beiden Standorten gemacht haben, also in Berlin-Mitte und am Hohenzollerndamm sowie in der Münchner Türkenstraße und bei ARRI@Bavaria Film in Grünwald. Ich habe bei ARRI weniger Ansprechpartner und kann direkter kommunizieren. Wenn es Planänderungen gibt, habe ich viel schneller die Information: Was bedeutet das fürs Timing und für die Kosten? Aber mit Blick auf das Ergebnis war etwas Anderes entscheidend: Bei „Dark“ waren die Ansprüche aller Beteiligten extrem hoch, vor allem seitens der Showrunner, die mit ihren bisherigen Produktionen auf internationalem Niveau gearbeitet haben. Ich bin deswegen froh und dankbar, bei einem Dienstleister gewesen zu sein, der über die Manpower verfügt, entsprechend der Anforderungen hochzuskalieren, und dabei eine Qualität liefern kann, die in den Abnahmen mit Bo und Jantje Bestand hat. Diese Kombination aus Skalierbarkeit und Qualität unter einem Dach ist aus meiner Sicht etwas sehr Besonderes.

Und merkt man in der Postproduktion auch, dass ARRI seit 100 Jahren Kameras baut?

Wir haben auch bei anderen Dienstleistern erfolgreich Filme und Serien endgefertigt und von daher würde ich sagen, dass es kein Monopol auf Know-how gibt. Mir erscheint es aber logisch, dass die Coloristen bei ARRI einen gewissen Informationsvorteil haben. Wenn man in der einen Etage eine Kamera baut, deren Material in der anderen postproduziert wird, dann gibt es da sicherlich einen Austausch zwischen den Entwicklern und den Kreativen in der Postproduktion. Ich gehe schon davon aus, dass ein interner Colorist manchmal Informationen bekommt, die vielleicht gar nicht oder erst viel später den Weg nach außen finden. Mein Eindruck ist, dass es da im Haus einen großen Wissensaustausch gibt.

Das „Dark“-Team von ARRI Media bei der Deutschland-Premiere in Berlin, u. a. mit Sven Nuri (4. v. l.), Jantje Friese und Baran bo Odar (beide Mitte vorn)

Interview: ARRI/Dr. Dominik Petzold

Fotos: Netflix (4), Alexander Probst (1)